Meine Wohnung hat jetzt Rollen
Wie ich meine Wohnung aufgab und mein Leben in einen Koffer packte.
Aller Anfang ist schwer. Und so ist es auch, wenn man damit aufgewachsen ist, dass mehr einfach besser ist. Ich bin ein Kind aus den 90ern. Wer kann sich noch an die riesigen alten Eichenmöbel erinnern, die bis an die Decke gingen? Die waren nicht nur klobig, sondern auch voll. Bis obenhin.
Für alle Fälle und für wenn Besuch kommt
Meine Eltern haben das gesamte Haus voll mit Gegenständen gehabt: eine ganze Regalwand mit Tupperdosen, Vitrinen mit Gläsern, besonderes Geschirr mit Goldrand, das man nur benutzt, wenn Besuch kommt. Aber es darf nicht in die Mikrowelle und auch nur per Hand abgewaschen werden. Wenn man es doch mal in die Mikrowelle gestellt hat, konnte man ein tolles Leuchten am Rand des Tellers sehen. Danach war der Rand nicht mehr gold, sondern irgendwie so ausgeblichen, und meine Mutter fand das gar nicht so toll.
Als Kind hat man natürlich auch alles an Spielzeug gehabt. So viele Kuscheltiere, die im Zimmer eigentlich immer nur im Weg waren. Von riesigen Teddys, die mein Vater auf dem Jahrmarkt gewonnen hat, bis hin zu 50 Barbies und bestimmt 100 Kassetten. Freunde haben bei jedem Besuch natürlich auch noch weitere Geschenke gebracht, die dann haufenweise im Zimmer gelagert worden sind.
So bin ich aufgewachsen, und es war total normal, samstags in die Stadt zu gehen, um „etwas zu kaufen“.

Shoppen, bis der Schrank platzt
Das habe ich natürlich schön beibehalten und ab dem 1. Gehalt schön weitergemacht. Der Schrank war so voll, dass man nicht mehr wusste, was drin ist, und zusammengepasst hat auch kaum etwas.
Ich habe regelmäßig meine Sachen auf dem Flohmarkt verkauft, 7 Säcke Klamotten aus dem Schrank ausgemistet und immer noch genug drin gehabt. Um anschließend wieder neue einzukaufen.


Das ist schon absurd, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Zeit darauf geht:
- Sachen anprobieren
- Zur Kasse
- Zuhause auspacken
- Nochmal anprobieren
- Zusammenlegen und ab in den Schrank
Und dann auch wieder andersherum:
- Anprobieren
- An die Seite legen
- Wieder anprobieren und aussortieren
- Zum Flohmarkt fahren
- Dort rumstehen
- Sich ärgern, dass bei 1 Euro noch gehandelt werden soll
- Für das eingenommene Geld neue Klamotten kaufen
Aha, schön, aber wie schaffe ich es, auszusortieren?
Der erste Schritt ist es, sich über das Ausmaß der Katastrophe bewusst zu werden. Am besten startet man mit Dingen, die man auf keinen Fall vermissen würde, und packt sie auf einen Haufen. Ich habe mit Kugelschreibern und Stiften angefangen. Wenn man die komplett zusammensucht und auf einen Haufen packt, wird man verdutzt sein, wie viele es eigentlich sind. Wenn man dann noch nicht weiß, welche sofort wegkönnen, kann man einfach testen, welche davon noch funktionieren.
Wenn man dann immer noch so viele hat und die nicht einfach wegwerfen möchte, habe ich einen Superhack für dich. Einfach mit ins Büro nehmen und im Materialschrank verstauen und/oder bei Kollegen auf dem Tisch liegen lassen. Es ist lustig zu sehen, dass die Kollegen verdutzt schauen, woher der Stift kommt, aber es nicht hinterfragen und ihn in ihrer Schublade verschwinden lassen. Das habe ich auch mit anderem Büromaterial gemacht. Tacker, Locher, Folien, Mappen etc. – alles, was ich loswerden wollte, habe ich mit ins Office genommen, bevor ich gekündigt habe.
Die Vorstellung ist auch lustig, wenn man erwischt wird: „Was machen Sie da?“ Anstatt zu klauen, muss man dann erklären, dass man Büromaterial ins Büro bringt.
Dieser Hack eignet sich auch gut, wenn man auf Reisen ist. Wenn man zu viel Kram in der Tasche hat, kann man den einfach in einem Airbnb lassen. Besonders unauffällig, wenn die Schränke hier auch bis obenhin voll sind.
Sein Selbstbewusstsein auffüllen und Geld verdienen
Wenn dein Selbstbewusstsein wieder mal einen Push braucht, kannst du auch einfach Gegenstände bei Facebook auf dem Marketplace verkaufen. Ich habe dort 3 Anfragen für ein Date erhalten und auch sehr interessante Angebote, dass ein Freund sofort losfährt, um den Gegenstand abzuholen. Aber es gab auch 2 echte Menschen, die vorbeigekommen sind und nur den Gegenstand kaufen wollten.
eBay Kleinanzeigen ist da meines Erachtens die bessere Variante. Dort waren zumindest damals noch viele echte Menschen, die einfach die Dinge abgeholt haben.
Am schnellsten ist der Fernseher verkauft worden. Das scheint ein wirklich wichtiges Gerät zu sein, und ich hatte innerhalb von Sekunden sehr viele Anfragen. Dem Glücklichen, der zuerst Zeit hatte und in ganzen Sätzen schreiben konnte, wurde der Fernseher übergeben und ein Blu-ray-Player mitsamt einigen DVDs for free mitgegeben.
Mehr Platz und weniger zum Entstauben
Wenn der erste Gegenstand aus der Wohnung getragen wird, ist es komisch, aber auch befreiend zugleich. Und so ging es fröhlich weiter. Ich habe mir händisch eine Liste erstellt mit Terminen, wann was und für welchen Preis abgeholt wird. Wenn man alles verkauft, was man hat, verliert man schnell den Überblick, auf welcher Plattform was verkauft wird.
Ich fand es echt nice, wie schnell man mit dem Saubermachen der Wohnung fertig war, wenn nicht so viel drin stand. Und so leerte sich langsam die Wohnung, und die Vorfreude auf die Abmeldung und Abreise wuchs.
Fazit
Aller Anfang ist schwer. Und alles, was man zum ersten Mal macht, ist eine neue Erfahrung, die du noch nicht kennst. Aber wenn du ein Ziel hast, vielleicht auszuwandern oder generell dein Zuhause auszumisten, um den Kopf freizubekommen, kannst du immer klein starten und dich immer weiter rantasten.
Zum Beispiel mit Stiften und Büromaterial starten, woran wirklich keiner hängt, oder? Dann weiter in der Küche. Brauche ich wirklich all diese Tassen? Wie viele Tassen brauche ich, bevor die Spülmaschine voll ist? Kann man Tassen im Notfall auch mit der Hand abwaschen, wenn keine saubere mehr da ist? Kann ich Tassen bei der Arbeit einfach in den Schrank stellen? Habe ich natürlich nicht gemacht. ;-) Hast du noch alle Tassen im Schrank?
Starte klein und mach so lange weiter, bis es sich richtig anfühlt oder du dein Ziel erreicht hast. Mach dir Gedanken, warum du an diesem Gegenstand hängst und ob er dir mehr bringt, als er kostet. Mit Kosten ist nicht der Preis gemeint, sondern der Aufwand, den du durch den Gegenstand hast, um ihn zu besitzen. Wenn du z. B. 100 Dekoartikel hast, die du alle paar Wochen immer hin- und herräumen musst, um sie zu entstauben: Ist das notwendig? Hast du wirklich Freude daran, das alles zu haben und anzuschauen?
Ich bin mittlerweile an dem Punkt, dass ich nur noch einen Koffer besitze und hier auch kontinuierlich Sachen in Airbnbs lassen muss bzw. verschenke, weil sich zu viel angehäuft hat. Aber es ist ein befreiendes Gefühl, nicht mehr an Gegenständen zu hängen und so seinen Kopf frei zu haben für andere Dinge.
Ich glaub an dich! Und wenn du seelischen Support benötigst, kannst du mich gerne kontaktieren.
